Zum dritten Ufer des Flusses
Die neue Aufklärung […] muss sich auch an den großartigen Traditionen anderer Zivilisationen orientieren.
[…] Es scheint unvermeidlich, eine neue Denkweise zu entwickeln und […] sich einer neuen Aufklärung zu unterziehen.
Eines der Hauptmerkmale dieser Aufklärung ist das Gleichgewicht.
Ernst Ulrich von Weizsäcker u.a.: Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen.
Ohne Trost aus den Erinnerungen der Nacht gelangen die Füße unsicheren Schrittes aus dem kraftgrünen Wald zurück auf den schwarzkalten Asphalt des Tages. Unwillig und zögernd besteigen sie einen Zug, in dem sie recht schnell einen Sitzplatz finden. Plötzlich vibriert das Handy im Rucksack. Die App hat eine neue Nachricht gesendet: „Auf der Suche nach den Wurzeln des Lebens bin ich auf die Erzählung ‚Das dritte Ufer des Flusses‘ von João Guimarães Rosa4 gestoßen. Sie erzählt die Geschichte eines Vaters, der eines Tages ein Kanu für sich bauen ließ. Als es fertig war, ruderte er auf dem Fluss fort. Er kam weder zurück nach Hause noch war er irgendwohin gefahren. Warum er das tat, konnte man nur vermuten. Vielleicht war er unzufrieden und brach auf, um eine andere Art des Lebens zu finden. Er verblieb jedenfalls den Rest seines Lebens auf dem Fluss, ohne jemals an einem der beiden Ufer auszusteigen. Das Kanu war sozusagen seine Heimat am dritten Ufer des Flusses geworden.“
Tatsächlich befindet sich das Buch im Rucksack. Sofort zieht es die Blicke auf dem Sitzplatz gegenüber an. Sie haben das Buch sofort wiedererkannt. „Woher haben Sie das?“, fragen sie aufgeregt. „Es lag in diesem Rucksack, der wohl einem alten Gesicht in weißen Leinenhosen gehört. Es hatte ihn in einer Bahnhofslounge vergessen oder auch einfach stehen lassen. Sein Inhalt führte auf einen Weg zu einer kleinen Hütte im Wald, in der auch dieses Bild lag. Beim Anblick des Bildes mit dem Paar vor dem Lehmhaus stockt dem Gegenüber beinahe der Atem: „Das sind meine Urgroßeltern. Es muss noch zwei weitere Fotos geben, eines mit meinen Großeltern und eines mit meinen Eltern. Mein Großvater trug sie, ebenso wie das Buch, stets bei sich, seit er uns nach dem plötzlichen Tod meiner Großmutter, wie der Vater in Guimarães Rosas Erzählung, ins nirgendwo verlassen hatte.“
Immer stärker gerät das Erzählen nun in Fluss, aus dem die Gedanken mit verzückender Leichtigkeit emporsteigen: „Wir haben uns oft über die Erzählung von Guimarães Rosa ausgetauscht. Mein Großvater meinte, dass sie uns einen Weg sowohl in die Vergangenheit unserer Heimat als auch in die Heimat unserer Zukunft weise. Schauen Sie, ich wohne am Rhein. Wie in der Erzählung fließt er unaufhörlich ‚flussabwärts‘ durch Länder hindurch, ‚flussfortwärts‘ über Grenzen hinweg und ‚flussauswärts‘ jenseits von Grenzen. Ich bin beispielsweise in Portugal geboren. In Brasilien, der Heimat meiner aus Deutschland ausgewanderten Vorfahren, erlebte ich so etwas wie meinen ersten Kulturschock. Einige Jahre später nahm Paris mich als eine der Ihren auf. Als ich schließlich während meiner Studienzeit für eine Umweltkonferenz zum ersten Mal nach Deutschland kam, fühlte ich mich bereits im Karlsruher Bahnhof wie Zuhause und zugleich genau so wenig als Portugiesin wie damals in Frankreich. Heute nun fühlt es sich seltsam schön an, Deutsch zu hören und zu sprechen, obwohl ich nicht wie Navid Kermani5 behaupten kann, dass die Deutsche Sprache meine Heimat ist. Es fällt mir andererseits ebenso schwer, mit Fernando Pessoa6 das Portugiesische zu meiner Heimat zu erklären. Vielmehr ist Blumenau im Süden Brasiliens die Heimat meiner deutschen Vorfahren, Lisboa die Heimat meiner Kindheit, Paris die Heimat meiner Jugend, Angola die Heimat meiner Liebe und Deutschland nun die Heimat meiner Sehnsucht. So weckt ein Schluck Bordeaux oder eines Weins aus dem Alentejo in mir stets auch Erinnerungen an die Weinhänge des Rheins. Irgendwie komme ich weder aus Portugal noch aus Frankreich und auch nicht aus Deutschland. Auf irgendeine Weise lebe ich zwischen den Welten in einer fortwährenden ‘saudade’7 aus dem Woanders und dem Hier, der Vergangenheit und der Zukunft sowie in und nach glokalen Zwischenwelten. Heimat existiert für mich nur im Plural am und als drittes Ufer meiner Identität.“
Mit jedem Wort vibriert die Luft jetzt vor Leidenschaft: „Das dritte Ufer des Flusses bietet uns eine wunderschöne Metapher für Perspektivenwechsel und die Möglichkeit eines dritten Weges der Wirklichkeitswahrnehmung. Im Sinne von Grenzverschiebungen und -überwindungen können Eindrücke, Erfahrungen und Einsichten im Umgang mit dem Unbekannten, Verborgenen, Übersehenen oder Unsagbaren mit restriktiven Dualismen wie individuell – kollektiv, national – global oder rational – emotional brechen. Auf diesem Weg vom einschränkenden und ausgrenzenden Entweder-Oder-Denken zu neuen komplementären Sowohl-Als-Auch-Sichtweisen können schließlich aus Differenzen und Gegensätzen kreative Synergien für kulturübergreifende Innovationen entstehen. Die Suche nach dem dritten Ufer des Flusses kann somit eine unermessliche Quelle von kosmischer Energie und Inspiration für nachhaltige Transformationen unseres Lebens zum Fließen bringen.8 Denn aufgrund ihrer Dynamik finden (welt-)gesellschaftliche Veränderungen in einem weiten, zirkulären und mehrdeutigen Spannungsfeld beispielsweise zwischen Lokalem und Globalem und jenseits von Grenzziehungen wie Europa – Nicht-Europa oder Westen – Nicht-Westen statt und können deshalb nicht zwingend dialektisch verstanden werden: Neues kann dabei aus Altem hervorgehen, ohne das Alte vollständig aufzulösen, und muss nicht lediglich eine Synthese aus verschiedenen Ursprungszuständen darstellen. Wenn also die Vergangenheit der Heimat Wurzeln für die Zukunft der Heimat bildet, können zukünftige Heimaten auch außerhalb vergangener Heimaten liegen, ohne sich von deren Wurzeln vollständig zu lösen“.
Nach dem Tod der Großmutter habe sich der Großvater auf die Suche nach diesen Wurzeln für sein neues Leben gemacht. Vor einiger Zeit sei eine Postkarte von ihm angekommen: „Liebe Familie, macht Euch keine Sorgen: mir geht es gut. Ich habe am dritten Ufer des Flusses zwischen Sonnenmond und Mondsonne meine neue Heimat gefunden. Hier kann ich endlich wieder mein Wesentliches leben … .“ Der Rest des Textes ist durch Nässe verwischt worden, noch bevor die Postkarte ankam. „Natürlich weiß ich, dass er mich nicht verlassen hat, und doch: er fehlt mir sehr, und das zerbrochene Bild in der Hütte besorgt mich zutiefst: Was ist passiert, dass er es nicht mehr bei sich hat und wieso ließ er den Rucksack in der Bahnhofslounge zurück? Ich werde ihn suchen gehen. Begleitest Du mich?“ Mit der Frage schwebt ein zartes Funkeln hoffnungsvoller Augen durch die plötzliche Stille. Was nun? Bis hierher ist schon so vieles anders geworden. Was würde erst die Suche nach dem dritten Ufer des Flusses bringen? Mit tanzendem Blut in den Adern und Sturm in den Herzen machen sie sich schließlich gemeinsam auf den Weg.
4 João Guimarães Rosa: Das dritte Ufer des Flusses. Erzählungen. Köln 1975, S. 31-36.
5 Navid Kermani: Wer ist Wir? Bonn 2009, S. 131.
6 Fernando Pessoa: Mensagem. São Paulo 2008, S. 22.
7 Siehe Fußnote 3.
8 Vgl. Ulrich Von Weizsäcker und Anders Wijkman: Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht: Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Gütersloh 2017, S. : 179 ff. sowie Frido Mann und Christine Mann: Es werde Licht. Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik. Frankfurt am Main 2017, 159 ff.
Unser Vater kam nicht wieder. Und doch war er nirgendwohin gegangen. Und führte nur seine Erfindung aus, auf der Fläche des Flusses zu verharren, zwischen einer Hälfte und der anderen, immer in seinem Kanu, um nicht mehr auszusteigen, nie mehr. Die Seltsamkeit dieser Wahrheit genügte, um alle Leute erstarren zu lassen. Was es gar nicht gab, das geschah.
João Guimarães Rosa: Das dritte Ufer des Flusses. Erzählungen. Köln 1975, S. 31-36.
Interview mit Emerson Monteiro vom Instituto Cultural do Cariri zur Erzählung „Das dritte Ufer des Flusses“ von João Guimarães Rosa




