Atempause für den Wandel
Ein Wegloses Leben
Wäre ein Leben ohne Erfahrung
Und ohne Erzählung
Die Geschichte von einem
Der von keiner Geschichte weiß
John von Düffel: Das Wenige und das Wesentliche. Ein Stundenbuch.
Schon früh am Morgen laufen sie wie die Ameisen hin und her, in alle Richtungen, nirgendwohin. Hektik und bisweilen ein Hauch von Panik liegen in der heißen Sommerluft. An den Tischen der Bahnhofslounge gönnen sie sich kurz einige Minuten Rast, wenn sie nicht schnell noch die letzten Mails beantworten. Ihre Blicke verirren sich dann kurz aus dem Fenster. Beginnen sie etwa zu träumen, oder ist es nur ein Anflug von Langeweile? Wie das Sommergemüse sprießt derweil vielerorts bereits Abneigung bis Hass ganz allgemein gegen alles, was anders ist und unsere betäubende Alltagsroutine empfindlich stören könnte. Die Dinge haben gefälligst in ihren Bahnen zu bleiben. Währenddessen ist die Hoffnung auf Freiheit durch Wohlstand der naive Strohalm unserer Zeit, an denen sich alle auf- und hochzuraffen versuchen. Wer abrutscht, dem fehlt eben das nötige Anforderungsprofil für unser postmodernes Leben. Pech gehabt! Geduldet werden allerhöchstens ein wenig Neugier und ein kleiner, wirklich nur winzig kleiner Hauch von Mitleid für diejenigen, die wie der dumme August im Zirkus trotz unzähliger, noch so vielversprechender Versuche den Strohalm immer wieder herunterrutschen. Von ganz hoch oben schallt jedes Mal warnend amüsiertes Gelächter. Gleichzeitig feiern sie dort diejenigen, die sich brav emporgeklommen haben. Und sie scheinen nicht zu merken, wie und wohin der Strohalm sich biegt.
Am Kaffeeautomaten begegnet der Morgenroutine auf einmal ein solches Augustgesicht in auffallend weißen Leinenhosen. Sein auf die wenigen mit sich geführten Habseligkeiten reduziertes Leben mutet auf den ersten Blick wie heruntergefahren an. Heruntergefahren? Herunterfahren kann man einen Computer. Den kann man danach ja auch wieder einschalten, wohingegen das Leben eines Menschen heruntergefahren endgültig aus ist. Dieses Zufriedenheit ausstrahlende und überraschend offene Gesicht ist indes quicklebendig. Es dürfte gern schon so Ende sechzig, Anfang siebzig sein. Das gerät jedoch schnell aus dem Sinn, weil seine unkonventionell lockere Art nahezu jugendlich frisch herüberkommt. Gleichzeitig sprudelt aus seinem bescheiden wirkenden Blick eine immens reiche Lebenserfahrung, die in seinem Gegenüber eine gewisse, sonst so selten zu spürende Begeisterung gebiert. Es macht deutlich, welchem Irrtum wir mit unserem Glauben unterliegen, Zeit gewinnen zu können, indem wir uns immer atemloser durch unser Leben multitasken. Die uns bleibende Zeit wird dadurch keinesfalls mehr oder gar endlos.
Als das Gesicht beginnt eine seiner Geschichten zu erzählen, vibriert die gestresste Morgenluft durch eine Lebensfreude, die man für sein Alter gar nicht mehr für möglich gehalten hätte. Es schwelgt in seinen Erinnerungen an ein vollkommen ungleiches Paar. Ganz unverhofft waren da die ungezügelte Leidenschaft für Abenteuer und das geduldige Beharren auf Geborgenheit zusammengetroffen. Niemand im Umfeld des Paares hatte einen Pfifferling darauf verwettet, dass sie es lange miteinander aushalten würden. Und tatsächlich: ihr Zusammenleben gestaltete sich von Anfang an äußerst turbulent. Ständig drohte die Spannung zwischen dem von Vorwärtsdrang genährten Fernweh und der Sehnsucht nach Wurzeln ihre Beziehung auseinanderzureißen. Es war ein ständiges Gehen und Kommen, ein mühsames Auf und Ab. Doch während sie seitdem unzählige Paare sich trennen sahen, leben sie bis heute noch immer zusammen. Die Nachfrage, wie ihnen das denn bloß gelungen sei, entlockte dem Gesicht ein breites Lächeln und allein zwei Worte: „Tiefe, bedingungslose Liebe!“ Fast lethargisch anmutend schlendert das Gesicht sodann vom Kaffeeautomaten durch die sich weiter mit hektischem Morgenleben füllende Lounge. So überraschend wie es aufgetaucht war und wieder verschwand, steht plötzlich ein nicht allzu großer, abgegriffener Lederrucksack verwaist in der Lounge herum. Wem er gehören mag und wie es dazu kam, dass er dort jetzt so allein wie das Gesicht vom Kaffeeautomaten zurückgeblieben ist?
Der Rucksack ist unverschlossen und lässt sich problemlos öffnen. Ist so etwas nun Sorglosigkeit oder Urvertrauen? Nach dem Öffnen präsentiert sich ein buntes Sammelsurium an ziemlich wertlosen Gegenständen. Allein ein Handy verspricht praktischen Nutzen, weil es zum Inhaber des Rucksacks führen könnte. Auf den ersten Blick enttäuscht dennoch erst einmal auch dieses: kein einziger Kontakt ist eingetragen und obendrein ist das Kartenguthaben aufgebraucht. Einzig eine App mit dem Titel “Atempause am dritten Ufer des Flusses“ hält davon ab, es nicht gleich wieder zurück in den Rucksack zu legen. Zum Glück lässt sich eine WLAN-Verbindung aufbauen und beim Anklicken der App öffnet sich ein Begrüßungstext: „Hallo, ich freue mich, dass du dir Zeit für eine Atempause gönnst. Leben wir nicht in seltsamen Zeiten? Zunächst sah heute alles nach einem ganz normalen Tag für dich aus. Dann diese ungewöhnliche Begegnung am Kaffeeautomaten und jetzt auch noch dieser unscheinbare Rucksack voller, scheinbar sinnloser Dinge. Lass dich durch deinen ersten Eindruck nur bitte nicht täuschen. Diese Dinge laden dich auf einen Weg zum Entschleunigen, Begegnen und Entdecken ein. Am Anfang dieses Weges steht eine zentrale Frage: Was ist wirklich wichtig für ein gutes Leben?“
Was nun? Auf solch einem Weg könnte schon morgen vieles anders sein. Woran dann noch festhalten, wenn der Strohalm aus Gewissheiten und Vertrautheit immer kürzer wird? Könnte gegen die Angst vor dem unbekannten Morgen helfen, Veränderungen mehr als Erweiterung denn als Verlust zu verstehen, indem nach der positiven Kraft in ihnen gesucht wird? Denn können wir Veränderungen am Ende wirklich entkommen? Haben sie indes nicht immer auch etwas Positives für uns inne? Eine Atempause bietet dazu vielleicht überraschende Perspektiven für einen Wandel durch Muße. Sollten wir also ganz im Sinne Wolfgang Borcherts1 einfach einmal versuchen, mitten durch den Regen, den Wind und das Feuer zu ziehen, an den Tropfensegen zu glauben, wieder ein Kind zu sein und das Ungeheuer zu lieben, um das gute Leben zu suchen? Auf diesem Weg könnte Entschleunigen als ein Akt des Widerstands gegen die geistige Einseitigkeit unseres dahingeeilten Lebens ein erster Schritt auf der Suche nach vielfältigen Bündnissen von Wesentlichem aus der Vergangenheit der Heimat für eine Heimat der Zukunft werden.
1 Wolfgang Borchert: Versuch Es. In: Das Gesamtwerk. Frankfurt a. M. 1988, S. 268.
Sich selbst für einige Zeit ins Abseits begeben, abschalten, die Fixierung auf das Spektakel des Moments unterbrechen […] als ein Akt der Selbstbehauptung und des Widerstandes, als intellektuelle Unabhängigkeitserklärung. Es gilt, die ureigene gedankliche Spur freizulegen, stets auf der Suche nach neuen Bündnissen und der richtigen Mischung aus Kontemplation und Partizipation, Erkenntnis und Engagement. Und tatsächlich: Diese Freiheit des Rückzugs auf dem Weg zur umso entschiedeneren Einmischung ist nicht verloren […], um sich dann in einer von Krisen geschüttelten Zeit einer einzigen, tatsächlich dramatischen Frage zuzuwenden: Was ist wirklich wichtig?
Bernhard Pörksen: Neue Zeithorizonte – Neue Perspektiven, https://www.deutschlandradio.de/gastbeitrag-bernhard-poerksen-102.html, 2021, zit. 10.4.26




