Aufbruch zur Entschleunigung
Stille hören
Wind sehen
Nähe riechen
Langsamkeit wertschätzen
Gemeinsam machen wir uns ganz entspannt auf den Weg zu
Kraftorten für einen Aufbruch zur Entschleunigung.
Gedanklich noch immer hin- und hergerissen bahnen sich erste Schritte ihren Weg durch die Anonymität der Masse zum Bahnsteig. Beim Einstieg irritieren unzählige Augen, die gestresst und teils zornig versuchen einen Sitzplatz zu erhaschen. Der Zug ist voll. Lauter Leute von irgendwoher nach irgendwohin. Alle wollen sie nur irgendwie – am besten schnellstmöglich – irgendwo – vielleicht zu Hause – ankommen. Zu unbequem darf es natürlich auch nicht sein. So ungestüm wie sie jetzt hinein stürmen, eilen sie dann irgendwo ebenso rastlos wieder heraus. Am Abend erinnern sie sich kaum, woher sie kamen und warum. Sie fühlen nicht die Sehnsucht nach dem Nichts. Sie wollen immer alles oder wenigstens niemals nichts. Langsam beginnt der Zug sich in Bewegung zu setzen. Inzwischen entwickelt sich in ihm allmählich ein buntes Innenleben aus vertrauten Beziehungen und zufälligen Begegnungen: ein älteres Paar, das sich wie frisch verliebt in den Armen liegt, drei Frauen, die sich gegenseitig helfen, ihr Gepäck zu verstauen, ein junger Mann, dem ein älterer Herr mit gebrochenem Englisch von seiner letzten Urlaubsreise erzählt und hinten links eine Mutter mit ihren drei Kindern.
Mittlerweile rauscht der Zug monoton durch die Landschaft, seine Reisenden eingetaucht in Gespräche, Bücher, Musik und Arbeit oder einfach nur aus dem Fenster blickend, wo der Sommer vorbeiflitzt. Die wechselnde Anordnung der Sitze in oder gegen die Fahrtrichtung bietet diesem Sommerblick dabei zwei sehr gegensätzliche Perspektiven eines Fahrens nach oder eines Verlassens. Unerwartet stört ein Vibrieren und Klingeln aus dem Rucksack die Reiseroutine. Die App hat eine neue Nachricht gesendet: „Alle sind wir auf Reisen, weil wir alle unbekannt sind, am meisten uns selbst. Der Zug, den wir nehmen, heißt Leben, und niemand kennt vorab die Orte, an denen er vorbeirollen oder auch einmal Halt machen wird. Irgendwann sind wir unbewusst auf ihn aufgesprungen, ohne zu wissen warum und für wie lange. Nur eines ist gewiss: So weit wir auch reisen, bleiben wir Unbekannte im Meer der zahllosen Reisenden, das mit jedem Kilometer ein wenig unbekannter wird. Auf unserer Reise erreichen und verlassen wir unzählige Stationen. Das Lächeln in den Abteilen, die Gespräche in den Gängen und die Bekanntschaften zwischen den Reisetaschen und Koffern verlassen uns jedoch nicht: sie werden mal weniger und mal mehr Teil unseres Lebens und damit von uns selbst“.
Die matten Balken, steingebettet und grünumrankt, rollen nun viel langsamer dahin, mit ihnen Gedanken der Sehnsucht nach dem Nichts. Leere Blicke kleben an der vom letzten Regen verschmierten Fensterscheibe. Weit in die Landschaft gestreut sehnen sie sich zurück zum Nichts ihrer Gedanken. Wenn nur tausend Gedanken zu einem einzigen, winzigen Gedanken würden, und mit ihm die große Leere zu einem kleinen Nichts. Als die Bremsen des Zuges tiefe Narben in die Sehnsucht schneiden, entdecken die noch immer leeren Blicke beim Verstauen des Handys in den Rucksack Bilder eines scheinbar hoffnungslosen Liebespaares. Tief sacken ihre vor gnadenloser Gier fliehenden Füße in den schweren Boden des Waldes. Schließlich können sie das Tempo nicht mehr halten und erlahmen. Ergeben setzen sie sich auf eine Lichtung und warten auf das, was kommen mag. Denn ihr Bund der Liebe ist ein gegenseitiges Versprechen über Leid und Tod hinaus.2 Jetzt wird es Zeit, Mut zu sammeln und aus dem Zug zu steigen, um sich Muße für die Wahrnehmung der Perspektiven der Anderen zu nehmen. Denn in der intensiven Begegnung mit den unbekannten Anderen wird das Fremde in ihnen als unser anderes Selbst erkannt werden können.
Als sich die Zugtüren öffnen, wird auch der Himmel wieder etwas blauer, befreit sich mühsam von der Wolkenlast des Alltags, die ihn zu ersticken drohte. Auf den ersten Schritten taucht dann die noch milde Sommersonne die kraftgrüne Waldlandschaft langsam in goldschimmernde Trance und leiht ihr einen Hauch von Frieden. Fast verzaubert beginnen die Augen in diesem Licht zu glänzen, als hätten sie den Alltag besiegt. Und tatsächlich schenkt das Leben der Luft jetzt einen süßlichen Duft, der alles zu betäuben scheint. In dieser Transformationszeit verliert sich jedes Gefühl für die Zeit. Vielleicht sind es nur Minuten, andererseits auch Tage, bis entspanntes Voranschreiten und Verweilen in Muße immer harmonischer aufeinander folgen. Ganz plötzlich beginnt dann der Wind in der Stille des Nichtstuns, die ausgehungerte Seele zu streicheln. Allmählich lernt sie jetzt, die Nähe zu riechen und die Langsamkeit wertzuschätzen. In diesem Aufbruch zur Entschleunigung wächst behutsam aber stetig die für einen Umbruch notwendige Kraft des Nichtstuns. Sie weist in eine Zukunft, die dem Mut zur Muße entspringt und zur Demut führt, die Gegenwart jenseits eigener Grenzen aus der Vergangenheit wachsen zu lassen.
Ganz unbewußt setzen sich die Beine immer wieder in Bewegung, verlieren Schritt für Schritt auch das Gefühl für räumliche Grenzen. Die auf diesem Weg gewonnene Grenzenlosigkeit öffnet den Geist für die Tiefe von Sein jenseits der Oberfläche des Lebens. Das (Wieder)Entdecken von Wesentlichem kann beginnen: Was berührt mich ohne die Anderen zu beunruhigen? Was ist den Anderen von Bedeutung, das uns zu einer gemeinsamen Heimat werden kann? Schließlich stoßen die Beine irgendwann irgendwo am hellblauen Horizont auf die tanzenden Spuren einer vergangenen Liebe. Wohin sie ihre Füße sich wohl hat tragen lassen? Nach Hause konnten sie die Liebe ja nicht schicken. Sie hatte schlicht keines mehr. Vielleicht wurden ihre Füße losgeschickt, ihr eine neue Heimat zu suchen, währenddessen Sehnsucht sie in der Dunkelheit des Tages auf ihre unbestimmte Rückkehr warten ließ.
2 Der Graf von Lutterberg. Harzer Sagen, https://harzer-sagen.harz-urlaub.de/ortssagen/bad-lauterberg-der-graf.htm, zit. 3.8.26
Der Wandel muss von Innen kommen
Die „Inner Development Goals“ der Vereinten Nationen

Vielmehr denke ich das „Nichtstun“ – in dem Sinne, dass man sich gegen die Produktivität und das Ende des Zuhörens wehrt – einen aktiven Prozess des aufmerksamen Hinhörens anstößt, der die Auswirkungen von ethnischer, ökologischer und ökonomischer Ungerechtigkeit aufspürt und einen echten Wandel herbeiführt.
Jenny Odell: Nichts tun. Die Kunst,
sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen.

Offizielle Website der IDG-Initiative




