Forward to the Roots
Verwurzelung erfahren
Vernetzung wahrnehmen
Räume umarmen
Ganzheitlichkeit verinnerlichen
Wir vernetzen uns in neuen Räumen, in denen wir sowohl uns selbst
als auch unserer Mitwelt bewusst begegnen können.
Noch taucht das Kronendach der Bäume den Rand der Waldlichtung in weiches Licht und ein zarter Wind lässt die Sommerhitze etwas erträglicher werden. Die Suche nach etwas Trinkbarem im Rucksack bringt eine vergilbte Postkarte zum Vorschein. Ihre Vorderseite zeigt das Bild einer riesigen Baumwurzel, die Rückseite trägt einen kurzen Text: „Hallo! Ich hoffe, dass es Dir gut geht. Auf meiner Reise zu den Wurzeln des Lebens bin ich gestern auf folgende Frage gestoßen: Wie können wir wieder lernen, das Zuhören zu genießen und uns bewusst werden, dass unsere Wirklichkeit nur ein winziger Teil des Ganzen ist? Ich werde mit dieser Frage noch ein wenig weiterreisen, komme aber bald zurück. Bis denne.“
Die vielen, viel zu früh blattarm gewordenen Bäume sind merklich schwach geworden. In der Mittagsstille ist ihr leises, aber dennoch eindringliches Stöhnen jetzt deutlich zu hören. Viele von ihnen können die Beziehungen zu ihrer Mitwelt über und unter der Erde kaum noch aufrechterhalten, um sich und ihre Sprösslinge ausreichend zu versorgen, andere sind gar längst vollständig entwurzelt. Sie können der Hitze nicht entfliehen, um nach einer neuen Heimat zu suchen. Um so ungeduldiger warten sie deshalb auf unsere Entschleunigung. Da wir ohne ihre Photosynthese bekanntlich nicht lebensfähig sind, ist ein unser Leben in seiner Ganzheit umfassender Kulturwandel längst zur Überlebensfrage geworden. Entschleunigung als abtastendes Einüben eines anderen Umgangs mit unserer Zeit ist da lediglich ein bescheidener Anfang. Ihm kann eine Wiederverwurzelung mit unserer natürlichen Umwelt folgen, aus der neues Bewusstsein für eine tiefere Vernetzung mit unserer gesamten Mitwelt in uns und aus uns heraus wachsen kann. Und wir sollten nicht warten, bis wir wie die Bäume nicht mehr in der Lage sind, für unseren Nachwuchs zu sorgen.
Mittlerweile barfuss wandelten sie küssend auf dem weichen Waldboden. Sie waren sich innerlich so nahe gekommen, dass sie kaum bemerkten, wie sie am Waldrand eine Hütte erreichten. Sie war unverschlossen. Stumm und zutiefst erregt betraten sie ihr Inneres. Sie schauten sich lächelnd um und genossen die Stille. Die Hütte war nur kärglich eingerichtet: eine Spüle und eine kleine Kochgelegenheit, ein Tisch mit einem Stuhl und ein Bett. An der Wand hingen Bilder von drei Paaren, eines etwa so jung wie sie, eines im Alter ihrer Eltern und ein drittes im Alter ihrer Großeltern. Neben den Bildern stand noch ein schmaler, alter Holzschrank, in dem lediglich ein Kleidungsstück lag: eine sorgsam zusammengelegte, weiße Leinenhose. Weitere Minuten strichen dahin, ohne dass sie ein Wort wechselten. Als es begann zu dämmern, umfing sie die Abendfrische, und sie rückten zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Sie kannten sich erst ein knappes viertel Jahr, das in ihnen in diesen Momenten zärtlich zur Ewigkeit wurde. In dieser Zeitlosigkeit verschmolzen Ihr Ich und ihr Du und das Es des Waldes zu ihrer neuen Heimat.
In der Waldlichtung ausgebreitet deuten die Postkarte mit der Baumwurzel und die Bilder des Liebespaares aus dem Rucksack einen Weg an, der von innerem Dialog mit sich selbst und seiner Mitwelt zum Dialog mit den fremden Anderen als unser anderes Selbst führt. Er kann uns die Vernetzung mit unserer Mitwelt neu erfahrbar machen. Denn in der Umarmung unserer Lebensräume kann eine durch Demut und Respekt getragene, tiefe Verbindung mit allem Lebendigen wachsen. Solch eine Verinnerlichung der Ganzheitlichkeit unseres Lebens ist Voraussetzung dafür, seine eigene Verwurzelung mit dem individuellen und kollektiven Wesentlichen im Leben (wieder) entdecken zu können. Da unser (Über)Leben als Mensch(heit) untrennbar mit einer lebendigen Mitwelt verbunden ist, ist Entschleunigung deshalb keine Flucht vor dem Leben, sondern der Weg zum L(i)eben, weil sie unsere Fähigkeiten zu Konzentration, Geduld und Zuhören stärkt. So wie der Wald als Lebensraum im Übergang versucht sich an die sich verändernden Umweltbedingungen anzupassen, können schließlich auch wir unsere Zukunftsfähigkeit nur durch Veränderungen bewahren.
Mit der beharrlich über den Himmel wandernden Sonne verwandelt sich der Wald allmählich in einen fremden Anderen bis die in Dämmerung getauchte Lichtung eine beklemmende innere Unruhe gebiert: Wohin soll der Weg heute noch führen? Wo die Nacht verbringen? Vielleicht findet sich im Rucksack auch ein Hinweise darauf. Beim Durchkramen seines Inhalts ziehen die Hände einen Werbeprospekt von Aldi heraus. Auf seiner Titelseite leuchtet in großer Schrift der Slogan “Alles bleibt besser.“ In gereifter Handschrift steht darunter geschrieben: „Heraklit wusste es besser, denn alles fliesst und ist wie unser Körper einem ständigen Wandel unterworfen. Es stellt sich daher nicht die Frage, ob wir Veränderungen wollen oder nicht, sondern wie wir die positiven Kräfte in ihnen entdecken können, um des Wandel selbst aktiv mitzugestalten, statt ohnmächtig und wehrlos von ihm gestaltet zu werden.“
Beim Lesen dieser Zeilen kehren die Gedanken ganz mühelos zum Bild der Postkarte zurück: Könnten diese positiven Kräfte wohl auf dem Weg zu den Wurzeln des Lebens gefunden werden? Kann Neues aus Altem nicht auch hervorgehen, ohne das Alte vollständig aufzulösen? Eine lebenswerte Zukunft eröffnet sich uns somit auch durch eine Rückbesinnung auf unsere Wurzeln, die das Wesentliche aus der Vergangenheit der Heimat mit der Heimat der Zukunft vernetzen. In diese Gedanken versunken wird alles behutsam zurück in den Rucksack gepackt, um sich dann in der wiedergewonnenen Geborgenheit der Mitwelt von den Füßen irgendwohin zu einem Zuhause für morgen tragen zu lassen.
[…] das Leben als Fest der Nähe zur Natur und zu Unseresgleichen im Rahmen des uns geschenkten und seit der Geburt umgebenden Beziehungsnetzes zu leben. Die ‚Umarmung‘ ist die Ethik und die Einstellung, alle und alles mit Zärtlichkeit aufzunehmen; es ist die Praxis, das was wir aufnehmen als Teil von uns zu feiern und zu genießen. […] Sie unterbricht den Rhythmus, mit uns selber, mit den Anderen und mit der Erde wie mit Betriebswesen umzugehen und fordert uns dazu auf, unsere Umgebung als eine durch die Umarmung gefeierte Nähe zu behandeln. Es ist also keine Ethik für eine neue Umgebung, sondern eine Ethik der Umgebung, die die ‚Umarmung‘ auf der Schaffung eines Raumes gründet, in dem die ‚Umwelt‘ und die ‚Mitwelt‘ sich als Teil dieses großen ‚Unser‘ fühlt. Die ‚Umarmung‘ feiert das „Sich-gegenseitig-Bedürfen.
Raúl Fornet-Betancourt: Interkulturalität in der Auseinandersetzung. Denktraditionen im Dialog.




